Dirk Moll

Die Schönheit der Dekonstruktion und die Ästhetik des Unkonkreten sprechen aus der Malerei von Dirk Moll. In seinen Bildern erfährt das konkrete Abbild der Realität die malerische Zerstörung – Ziel ist es, subjektive Wahrheiten im Vagen, Rätselhaften, Diffusen, zu finden. Der Schaffensprozess wird durch den Aufbau des Bildes und seine anschließende teilweise Zerstörung bestimmt. Die Techniken der Bildfindung variieren von groben Farb-aufträgen bis hin zu präzisen Details – sie treten in Interaktion und vermischen sich. Aus der Synthese entstehen neue bildliche Wahrheiten, die dem Betrachter Perspektiven auf ein Dazwischen, auf potentielle Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten bieten. Die Bilder von Dirk Moll feiern in einem Jahrhundert, welches immer wieder aufs Neue die Malerei totsagt, genau diese und widmen sich allgemeingültigen Themen wie der Schönheit, ge- sellschaftlichen Strukturen und Prozessen, religiösen Ideen und immer wieder eigenen Erfahrungen.

Die künstlerische Laufbahn des in Leipzig lebenden und arbeitenden Malers begann außergewöhnlich früh: bereits mit elf Jahren setzte sich Dirk Moll intensiv mit urbanen künstlerischen Ausdrucksformen auseinander. Wenige Jahre später, mit gerade einmal vierzehn Jahren, folgten das dezidierte Eintauchen in die Theorie der Kunstgeschichte und das Erlernen diverser künstlerischer Techniken. Kurze Zeit darauf war der Entschluss gefasst Maler zu werden. Seit seinem 17. Lebensjahr ist Dirk Moll als freischaffender Künstler tätig und schuf große Wandflächen im öffentlichen Raum. Mit Anfang zwanzig lernte er seinen zukünftigen Galeristen kennen – eine Begegnung, mit welcher ein prononcierter Austausch und eine konsequente Zusammenarbeit einhergingen: neben einer regen Ausstellungstätigkeit in den Galerieräumen, präsentierte die Jahn – Galerie Arbeiten von Dirk Moll auf zahlreichen Messen. In die Zeit dieser ersten Begegnung fallen auch die zunehmende Fokussierung auf Malerei, die heute in Dirk Molls Werk überwiegt, sowie der Beginn des Werkzyklus „Zwischenwahrnehmung“, den der Künstler bis heute bearbeitet.

Was allen Arbeiten gemein ist, ist der enge Bezug zur Realität. Immer sind es die persönlichen Erfahrungen oder zwischenmenschliche Themen, die den Künstler zu seinen Bildideen führen. Stark geprägt ist er durch sein Aufwachsen in der Wendezeit und den Konflikt mit der Generation der Eltern, die dem Mauerfall mit gemischten Gefühlen begegnete. Das Zusammenprallen der alten Gesellschaftsstrukturen mit neuen Formen sozialer Ordnungen, die zerplatzten Träume, das Scheitern an der neuen, kapitalistischen Realität, die damit einhergehenden Abgrenzungen und der Wunsch nach Nähe, sind zentrale Themen in Dirk Molls Malerei, die sich vom Idealismus befreit und sich durch einen tiefschürfenden Wirklichkeitsbezug auszeichnet.

Neben dem formal-ästhetischen Erscheinungsbild, das durch die akzentuierte Farbigkeit auf sich aufmerksam macht, ist es gerade diese meist eben nicht auf den ersten Blick wahrnehmbare inhaltliche Tiefe, die den Bildern ihre besondere Intensität verleiht und vom Betrachter Zeit fordert. Zeit, um in die Malerei einzutauchen und Zeit, um an ihren Grund zu gelangen und dort die Vielschichtigkeit der Bedeutungen wahrzunehmen.

Anne Simone Krüger, Kunsthistorikerin